Maria von Welser

Es ist nur eine Stunde Flug von Athen auf die schöne Insel Lesbos. Die jetzt aber, im Zuge der Flüchtlingsströme in Nahen Osten und in Europa zu einem gewaltigen Krisenpunkt geworden ist. Vor allem weil die türkische Küste so nah ist. Ich habe mir auf der Ostseite der Insel in der Hauptstadt Mitilini eine Unterkunft gesucht. Im Internet ist das heute leicht. Alles passt, und gleich nach meiner Ankunft am Abend falle ich quasi um die Ecke in die Arme einer syrischen Flüchtlingsfamilie. Direkt vor einem der vielen neuen Reisebüros in der Stadt. Die Syrer kommen aus Idlib, sind seit einem halben Jahr unterwegs. Zwei Ehepaare mir zwei Kindern. Die jüngste Tochter steht in Socken auf der Strasse. Der Vater radebrecht in englisch: "Sie ist uns ins Wasser gefallen, wir haben Sie gerade noch packen können, aber dabei hat Sie Ihre Schuhe verloren." Heute Abend fahren Sie noch mit einem der gelben Taxis in eine Unterkunft, und morgen Abend geht das ersehnte richtige Schiff nach Athen. Nicht mehr so ein wackeliges, unsicheres Gummiboot wie das, mit dem die beiden Familien von der Türkei hierher nach Lesbos gekommen sind. Zusammen mit täglich rund 2000 anderen Flüchtlingen. Die sehr netten Mitarbeiter an der Hotelrezeption haben mir einen Fahrer und eine sehr nette Übersetzerin organisiert. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen um 6 Uhr zur Fahrt in die Bucht von Skala Skamnias. Noch ohne die Übersetzerin Angela. Denn Vangelis spricht auch ziemlich gut englisch. Später erfahre ich, dass er bei Angelia früher in die Schule gegangen ist. Die Bucht liegt eine Stunde weg von der Hauptstadt im Norden der Insel. Nur zwei Stunden mit dem Schlauchboot von der türkischen Küste entfernt. Die kürzeste Strecke. Darum sind da auch in den letzten Tage Hunderte von Booten gelandet. Zudem stimmte der Wind. Er blies aus dem Osten hinüber gen Westen, gen Griechenland. Am Abend im Hotel bitten mich drei freundliche Frontex-Mitarbeiter zu sich an den Tisch. Allesamt Schweden und im "Normaleben" Polizisten. Sie unterstützten Frontex, die Organisation zum Schutz der Schengen-Grenzen jeweils zwei Monate lang. Der schwedische Staat hat sie geschickt. Der Ältere von den dreien erzählt, dass er an diesem Tag zum ersten Mal erlebt hat, dass zwei Kurden um Asyl in Griechenland bitten wollen. Sonst - Fehlanzeige. Alle anderen Flüchtlinge, die von ihren befragt werden, deren Pässe sie kontrollieren und die dann als registrierte Flüchtlinge weiterreisen dürfen, wollen nach Deutschland. „Alemania", das höre ich in den nächsten Tagen noch oft. Oder nach Schweden. Wenn sie dort bereits Verwandte haben. Der Fernsehapparat läuft in der Hotelhalle den ganzen Abend. Wir hören, dass Mazedonien jetzt die Grenze dicht macht. Nur noch Syrer und Iraker mit ordentlichen Pässen werden durchgelassen. Rückstau quasi auf die Grenz-Schließungen der Österreicher und Ungarn. Nur- was jetzt? Sollen denn alle die Millionen Menschen auf der Flucht im kleinen und bitter armen Griechenland bleiben müssen? Die Situation scheint sich zuzuspitzen. Das sehen auch die drei Frontex-Polizisten so.

Am nächsten Morgen springe ich um 6 Uhr in das gelbe Taxi von Vangelis. Langsam wird der Himmel im Osten rot, wir erreichen die kleine Bucht nach eine Stunde Fahrt über die Insel auf einer engen, kurvigen Strasse. Es ist noch voll kommen still hier. In der Nacht ist kein Boot angekommen. Obwohl das Meer für Februar erstaunlich ruhig ist. Viele junge Menschen stehen herum. Schauen hinaus auf das Wasser. Greifen immer wieder zum Fernglas. Viele von ihnen tragen leuchtende Schutzwesten. Ich frage sie freundlich, woher sie denn kommen? Viele sind aus Norwegen, andere aus den Niederlanden, aus Irland, eine Ärztin ist aus dem Vereinigten Staaten hierher geflogen. Andere aus Großbritannien gekommen. Es ist beeindruckend. Diese überwiegend jungen Menschen nehmen Urlaub um zu helfen. Auf eigene Kosten. Ich werde noch alle Nationen dieser Welt hier auf der kleinen Insel vertreten finden. Der norwegische Vater, der mit seiner Tochter hier im Einsatz ist, sieht es als erster: „ Ein Boot kommt, mit vermutlich 25 Flüchtlingen. Das scheint für alle eine gute Nachricht. In dem „Welcome"-Stand werden Marmelade-Brote geschmiert, Tee und Kaffee gekocht und in Thermosflasche abgefüllt. Einige springen in Neopren-Anzüge, um den Flüchtlingen beim Aussteigen aus den glitschigen Gummibooten durch das Wasser zu helfen. Aber- das wird dann alles doch nichts. Denn die Küstenwache der Griechen stoppt das Boot draußen auf dem Meer. Nimmt die Flüchtlinge auf und bringt Sie nach Petra,in den Hafen im Nordwesten der Insel. Da werden Sie dann gleich mit Bussen nach Moria gefahren zum Registrieren. In der Bucht von Skala Skamnias hätten ihnen die helfer allerdings noch warme Kleidung gegeben, ihnen Tee eingeflößt und ihnen die eiskalten Füsse massiert vor der Busfahrt. Deshalb auch die Enttäuschung hier unter den Helfern. Es ist inzwischen alles so gut organisiert. Kein Vergleich mit dem Chaos des letzten Jahres, als Zehntausende auf den Strassen und Plätzen kampierten und verzweifelt, frierend und nass auf ein Schiff nach Athen warteten. Damals hat noch keiner die Menschen registriert, ihre Fingerabdrücke genommen geschweige denn ihnen helfen können. Nur die Menschen auf der Insel haben getan, was möglich war. Obwohl sie sich auch vollkommen überrumpelt fühlten, wie mir später Angela erzählt.

Wir fahren zurück, damit ich jetzt die Übersetzerin treffen kann. Den Hotspot Moria können wir heute vergessen, da muss erst per Mail ein Antrag in Athen gestellt werden. Auch das ist neu. Aber jetzt funktioniert eben auch die Bürokratie. Wir sehen im Hafen ein Frontex-Schiff mit etwa 150 Flüchtlingen an kommen. Es sind die, die in der Nacht im Süden der Insel in der Nähe des Flughafens mint ihren Schlauchbooten gelandet sind. Auch hier greift die Organisation: Frauen und Kinder zuerst, dann die Väter, dann die jüngeren Männer. So lassen Sie die Beamten von Bord hinüber zum UNHCR-Bus gehen, der Sie dann gleich nach Moria fährt. Wir schauen dagegen im örtlichen Krankenhaus vorbei. Hier sind im letzten Jahr alleine über 100 000 Frauen und Kinder behandelt worden. Das habe die Klinik rund 1 Million Euro gekostet. Aber wie für die Griechen war die Behandlung frei. Der Hals-Nasen-Ohrenarzt erzählt von den vielen Kindern, die mit Hals- und Ohrenentzündungen angekommen sind. Oft in einem ganz schlimmen Zustand. Weil Sie auf der langen Flucht überhaupt keine medizinische Behandlung bekommen haben. Oft waren die Flüchtlinge ja ein ganzes Jahr unterwegs gewesen. Die Chefin der Geburtshilfestation berichtet von so vielen Frauen, die ihre Kinder entweder im Schlauchboot oder dann gleich bei der Landung am Strand geboren haben. Vangelis, de Fahrer, erinnert sich wie der den Mann und die anderen Kinder in die Klinik gebracht hat. Sie erzählten, dass die junge Frau erst nicht in der Türkei in das Gummiboot steigen wollte. Sie hatte in kurzen Abständen Wehen und ahnte, dass das Baby bald kommen würde. Aber der Schlepper zog die Pistole, hielt sie ihr an den Kopf und zwang sie so zur Überfahrt. Jetzt lag sie mit dem Baby im Rettungs-Wagen auf den Weg in die Klinik. Beide gesund und die Mutter sicherlich unglaublich erleichtert. Zehn Tage haben sie die Ärzte hier behalten. Obwohl de Familie so schnell wie möglich weiter wollte. Das begrreift die griechische Gynäkologin sowieso nicht: alle wollen nach der Geburt schon oft nach einem Tag weiterziehen. Obwohl viele vollkommen Erschöpft und durchnässt in der Klinik angekommen sind. Aber da kann Sie auch nichts machen, sagt sie. Sie arbeitet jetzt schon seit 35 Jahren hier, aber so etwas wie dieses Flüchtlingsdrama hat Sie noch nie erlebt: "Da kann man doch nur helfen", sagt Sie ganz traurig. Vor allem das Schicksal der jungen Mütter und Ihrer Baby's auf der weiteren Flucht nach Deutschland bedrückt die Ärztin sehr. Denn dann fügt sie ihr Lebensmotto hinzu: "Alle schwangeren Frauen bedürfen des besonderen Schutzes". Manche der Baby's, fügt sie noch hinzu, die jetzt kleine Griechen sind, sind mit dem Vornamen Ihrer Retter getauft. Eine von vielen liebevollen Gesten.