Maria von Welser

Pikpa heißt ein kleineres Auffanglager für Flüchtlinge, die mit den kleinen, schwarzen Gummibooten aus der Türkei hier auf der Insel landen. 60 Flüchtlinge haben Platz, Frauen, Kinder, Väter und allein reisende Männer. Für die Jugendlichen gibt es ein eigenes beschütztes Camp. Zehn Holzhütten, mehrere große weiße Zelte und freiwillige Helfer aus Griechenland, die noch weitere Unterkünfte aufbauen...ein friedlicher Platz. Früher ein Ferienlager für Schüler. Ich treffe hier Janna, 54 Jahre alt, Syrerin aus Helab. Eine junge Palästinenserin übersetzt. Sie hat einen israelischen Pass und arbeitet hier vier Wochen freiwillig, in ihren Ferien. Wie so viele junge Menschen aus aller Welt. Janna erklärt mir als erstes an dem runden Tisch vor Ihrer derzeitigem Behausung: "Wenn ich nicht Kinder hätte, hätte ich Syrien nie verlassen". Dreieinhalb Jahre lebten sie alle in der Türkei, in Mersin. Ihr Mann hatte dort einen Minijob. Oder besser: einen Hungerjob. Denn der Türken beschäftigten ihn ausschließlich gegen Lebensmittel. Ihr Haus kostete 450 Euro Miete im Monat, ohne Strom oder Wasser.

Jetzt hat Ihr ältester Sohn in Schweden entschieden: Ihr kommt zu mir. Ein langer, ein teurer Weg. Zuerst führt sie die Flucht nach Izmir, wo eine andere Ihrer Töchter verheiratet ist. Dort zwei Nächte Abwarten am Strand, immer in einem Minibus ohne Sitze. Dann mit 15 anderen Erwachsenen und zehn Kindern hinein in das Gummiboote mit dem Ziel: Griechenland, Lesbos. Ihr Mann fingierte als Bootsführer. Später zeigt er mir noch Fotos, die ein Freund auf dem Boot mit seinem mobilen Telefon gemacht hat. Der Schlepper kassierte ganz schnell das Geld für die Überfahrt und die Schwimmwesten- und weg war er. 1 500 Euro pro Person, auch für ein Kind, 70 Euro für die Weste. Die sich, mit irgendwelchem billigen Plastik gefüllt, sofort im Wasser voll saugt und den ertrinkenden Menschen gnadenlos hinunter zieht. Janna, Ihr Mann und drei Kinder schaffen es bis an die Südostküste von Lesbos. Landen im Hotspot Moria, werden registriert und hoffen jetzt auf eine Weiterreise nach Athen und von dort nach Schweden zum Sohn. Während wir uns unterhalten, schnitzelt die Mutter Gurken und Kartoffeln klein, bereitet mal wieder ein Mittagessen für Ihre Familie und hofft, dass Sie auch dieses Lager, Ihre nun dritte Station auf der Flucht, bald verlassen können. Auchin diesem relativ kleinen Lager sehe ich wieder Hunderte junger Freiwilliger aus der ganzen Welt. Was für ein positives Zeichen, was für ein Signal!

Abends um 20 Uhr soll die riesengroße "Ariadne" auslaufen aus Mitiline, in Richtung Piräus. 1 800 Menschen haben Platz. Nicht viel weniger als auf der Queen Mary II. Allerdings wesentlich billier. Die Preise für die Überfahrt liegen zwischen 45 und 72 Euro: Sitzplatz oder Bett in einer Kabine. Schon zwei Stunden vorher stehen die Flüchtlinge, die Migranten, die Heimatlosen an. Viele Familien mit kleinsten Kindern, allein reisende Jugendliche, vorwiegend junge Männer. Sie strahlen alle, lachen, zeigen mir das Victory-Zeichen und gehen voller Schwung die Gangway hinauf in den Schiffsbauch. Das wenige , das Sie noch besitzen nach der langen Flucht, auf dem Rücken oder am Arm. Ich habe inzwischen auf dem mobile phone gelesen, dass in Mazedonien die Grenze nur noch Syrer und Iraker mit gültigen Pässen passieren dürfen. Alle Afghanen, Pakistaner, und Eritreer landen in Lagern. Unversorgt, in der Kälte, im Regen. All das geht mir durch den Kopf, als ich am Rande der Gangway stehe und den Menschenstrom betrachte. "Good luck- und: „have a safe trip". Mir schnürt es den Kehle ab . 1 800 Menschen. Nur ganz wenige Griechen sind darunter. Die Mehrzahl: Migranten, Flüchtlinge, Menschen, die Ihre Heimat verloren oder in der Not hinter sich gelassen haben.

Auf dem Weg zum Schiff gibt es aber wieder so ein Beispiel für den selbstlosen Einsatz der Freiwilligen aus aller Welt: Sie haben eine lange Reihe von großen Kartons aufgestellt. Damit sich die Flüchtlinge noch mit warmer Kleidung, mit Rucksäcken, Regenschirmen oder warmen Mützen versorgen können. Frauen bringen den Wartenden in der Schlange Wasserflaschen für die fast 12 Stunden lange Schiffsreise. Kinder bekommen Spielsachen oder Kuscheltiere in den Arm gedrückt. Ein etwa 20jähriger Pakistani fragt mich, welche Chancen er hat auf Asyl in Deutschland. Ich getraue mich nicht, ihm zu sagen: "Keine". Sondern ich frage nach seinen Pass, nach einer ID-Karte. Was er beides nicht hat. Aber die Eltern in Pakistan schicken ich das ganz bestimmt schnell nach, versichert er auf mein nachfragen und wenn ich ehrlich bin. Auf mein Ablenkungsmanöver. Dennoch stimmt seine ganze Geschichte irgendwie nicht. Denn ohne Pass oder ID hätte er gar kein Ticket kaufen können. Hätte, hätte, Fahrradkette....hat er aber. Er zeigt es mir ganz Stolz.“Good luck“, kann ich ihm da nur wünschen.

Ein großer roter Vollmond steigt über der türkischen Küste in den dunklen Himmel auf. Leuchtet den Menschen, als um Punkt 20 Uhr die Ariadne ausläuft. Voller hoffnungsfroher Menschen. Ich fühle als hätte ich schwere Steine im Magen und habe Tränen in den Augen. Mein Gott, was steht diesen Menschen noch alles bevor.

Gedankenschwer gehe ich zurück in mein "Boutique Hotel"mitten in Mitilini. Morgen früh heißt es früh raus, diesmal an die Ostküste südlich des Flughafens. Wenn der Wind gut steht und nicht "auflandig" auf die Türkei zuweht, dann werden dort Boote ankommen. Das jedenfalls bestätigt mir ein holländischer Freiwilliger. Ich hatte mich am morgen in der Skala Skamnias mit ihm unterhalten. Jetzt begegnen wir uns auf der Promenade am Hafen.